Beerenauslese am Recher Herrenberg

Beerenauslese am Recher Herrenberg

Beerenauslese am Recher Herrenberg

RECH.
Winzer Otger Schell hat das Pokerspiel um den Eiswein verloren.
Aber dafür hat er am Recher Herrenberg eine Beerenauslese mit 122 Grad Öchsle eingefahren.

Lange hat Seniorchef Otger Schell noch gehofft, Trauben für Eiswein des Jahrgangs 2018 lesen zu können. Dafür hat er extra auf einer Fläche von 1000 Quadratmetern im Recher Herrenberg die Rebsorte Spätburgunder unter blauen Vogelschutznetzen hängen lassen.

Doch aus den für die Eisweinlese notwendigen minus sieben Grad, damit die Trauben durchgefroren sind und in ihnen nur noch reines Konzentrat ist, wurde nichts. „Die Meteorologen haben auch für die kommenden Tage nur Plus-Grade auf der Rechnung. Jetzt mussten wir reagieren, sonst wären die Beeren an den 450 Rebstöcken verfault“, sagte Ortger Schell im Gespräch mit dem General-Anzeiger.

Zehn Helfer zusammengetrommelt

Zehn Leute hatte Oliver Schell, der 2017 die Führung des Traditionshauses in Rech von seinem Vater übernommen hat, für die Lese zusammengetrommelt: Familie und Freunde. Das Ergebnis der Weinbergsarbeit im Morgengrauen kann sich sehen lassen, denn die Trauben glänzten mit 122 Öchslegraden. Ein Mostgewicht, das auch Eiswein zur Ehre gereicht hätte. Doch dafür ist es eben zu warm. Jetzt wird aus den gelesenen Trauben eben 400 Liter Beerenauslese, immerhin die Oberklasse der Qualitätsstufen, die es für deutsche Weine gibt.

„Das mit dem Eiswein ist immer ein Glücksspiel“, sagte Otger Schell. „Diesmal haben wir verloren, dennoch versuchen wir es immer wieder.“ Den letzten Eiswein haben die Schells noch unter seiner Führung 2013 gelesen. „Da war’s richtig knackig kalt“, erinnert sich der 58-jährige Seniorchef, der es jetzt etwas ruhiger angehen lässt und sich auch mal Urlaub gönnt.

Winzer mit Leib und Seele

Der 29-jährige Oliver Schell, wie sein Vater Winzer mit Leib und Seele, hat indes mit seinem Leseteam nach getaner Arbeit die ersten Weine des schon für den Verkauf auf Flaschen gezogenen Jahrgangs 2018 verkostet. Und sagt nur ein Wort: „Spitze“. Dennoch ist das Weingut im Umbruch. Bislang haben die Schells vier Hektar eigene Weinberge mit Spätburgunder, Frühburgunder, Domina und Portugieser zwischen Altenahr und Bad Neuenahr. „Wir wollen komplett auf Burgundersorten umstellen“, blickt der junge Winzer, der auch Betriebswirtschaft studiert hat, in die Zukunft: „Dafür sind wir auf der Suche nach neuen Rebflächen.“

Für Otger Schell hat das Pokern um Eiswein zwar nicht geklappt, aber einen persönlichen Rekord eingebracht: „Je nach dem, wie man es sieht, war es für mich die späteste Lese eines Jahrgangs oder eben der frühste Termin einer Lese im Jahr.“ Denn bislang wurde das Pokerspiel immer im Dezember gewonnen – oder verloren.